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Der 1942 in Wien geborene Fotograf Werner Schnelle konzentriert sich in seinen fotografischen Arbeiten auf die bildlichen Recherchen und die Fragestellungen zum Medium der Fotografie an sich.

Die Ausstellung „Fotokonzepte“ umfasst 120 Werke aus mehr als 20 Jahren seiner Schaffenszeit und versammelt Ankäufe des Museums, Schenkungen des Künstlers an das MdM und Leihgaben aus dem Besitz von Werner Schnelle.

Raum 1

Am Beginn der Ausstellung stehen die „Land Studies“ der Jahre 1996 bis 1999; schon in diesen Arbeiten zeigt sich Schnelles Interesse für das Sehen und Herausarbeiten von Strukturen und Texturen in seinen Motiven. Von den aufgetürmten Abraumhalden, den rissigen Spuren von Baufahrzeugen im Erdreich und den Schotterhaufen auf Baustellen bleiben in seinen Fotos die feinen Unterschiede in den Oberflächen, die kontrastreich gezogenen Profillinien zum Hintergrund. Ebenso modelliert er seine Architekturen aus ihrer Umgebung heraus – anonyme Industriebauwerke, die sich in ihrer Isolation gleichsam wie Skulpturen ausnehmen.

Gegenüber der Serie der „Land Studies“ befindet sich der Fries der „Chemiegramme“ von 1994 bis 2004. Sie sind symptomatisch für Schnelles Interesse, an den immanenten Eigenschaften des fotografischen Prozesses. Chemiegramme entstehen, indem der Künstler fotospezfische Chemikalien verwendet, diese auf vorbehandeltes Fotopapier in einem malerischen Duktus aufbringt und fixiert (Spritzer, Linien, Schüttungen, dichte und transparente Partien lassen sich je nach Auftrag der chemischen Flüssigkeit unterscheiden).

Raum 2

Die Recherche zu den Möglichkeiten und Qualitäten des fotografischen Prozesses werden in der großen Serie der „Light Works“ 1999-2003 fortgesetzt. Diese umfangreiche Serie ist gleichsam das Herzstück der Ausstellung, wie auch das Hauptwerk im Oeuvre von Werner Schnelle. In dem angrenzenden Raum werden „Light Works“ und „Optical Works“ vorgestellt und damit die intensive Arbeit von Werner Schnelle an dem Kompendium seiner „konkreten“ Fotografien präsentiert. Beiden Werkskomplexen eignet das Grundprinzip einer auf geometrische, abstrakte, gestische oder nicht-figurative Formensprache reduzierten Fotografie, die als Dunkelkammer-Arbeit angelegt ist und sich von einer motivisch orientierten, abbildenden Fotografie distanziert.

Die „Light Works“ lässt Schnelle in seinem abgedunkelten Atelier entstehen, indem er bewegliche Lichtquellen und ihre Funktion in Raum und Zeit gleichsam als Spuren von Licht festhält. Etwas, das das Auge nie wahrnehmen kann, ersteht durch den fotografischen Moment der Aufnahme und kann als Muster, als Gestik, als Zeichenansammlung Sichtbarkeit erlangen. Schnelle arbeitet mit schwingenden Taschenlampen, mit einer auf einem rotierenden Bohrer befestigten Leuchte, mit Lichtpendeln oder mit seiner eigenen Motorik, indem er Glühbirnen im finsteren Raum schwenkt – das Bild hält die Spuren der Bewegungen und Rhythmen fest und dokumentiert dies gleichsam als mit Licht gezeichnete Grafismen und Lineamente.

Die „Optical Works“ der Jahre 1998 bis 2002 verdanken ihr Entstehen einem ähnlichen Vorgang, nämlich der Untersuchung von lichtdurchlässigen und lichtschluckenden Materialien. Schnelle verwendet Rasterfolien, gelochte Bleche, übereinander gelagerte Schichten und wiederum einfache Lichtquellen, um die Abstufungen von transparenten, semitransparenten, durchscheinenden und ausgesparten Flächen, Punkten, Linien in geometrischen Anordnungen zu untersuchen.

Raum 3

Den Eigenschaften der Dinge und deren Präsenz im fotografischen Bild ist der 3. Abschnitt der Ausstellung gewidmet. Werner Schnelles Interesse für das Stillleben setzt mit der Serie „Still Lifes“ 1995 ein und wird bis Ende der 1990er Jahre fortgesetzt. Seine Objekte sind dem Alltag entnommen und setzen gleichsam das klassische Repertoire der „Natura morta“ , dem Stillleben in der Kunstgeschichte, fort: Löffel, Gläser, Eier, Gefäße, Muscheln werden in einer amorphen Raumfolie bei dunkel-mildem Licht abgebildet; sie erscheinen in einer weichen, poetischen Atmosphäre und sind – ganz auf ihre unscheinbare Präsenz konzentriert – subtile Miniaturen einer imaginativen Dingwelt. Komlexer sind die Stillleben, in denen Schnelle mit dem seriellen Charakter vieler ähnlicher Gegenstände arbeitet, mit Spiegelungen und Verdoppelungen, Überschneidungen und Verkürzungen. Das Ding an sich wird zum alleinigen Bildinhalt in seinen „Fotogrammen“, Arbeiten „Aus der Dunkelkammer“, wie er die Arbeiten der Jahre 1986 bis 1989 nennt. Hier werden die Objekte (Pflanzen, Filmspulen, Gläser, Textilien) unmittelbar auf das präparierte lichtempfindliche Fotopapier gelegt. Durch die direkte Belichtung in kompletter Dunkelheit bilden sich die Gegenstände als helle Strukturen, Umrisse, Flächen, Silhouetten mit geringer Binnenzeichnung auf der Unterlage ab; das Fotogramm ist als kamera- und linsenlose Fotografie die Ur-Form des fotografischen Bildes und durch das negativlose Verfahren weder in Ausschnitt oder Größe zu verändern, noch zu vervielfältigen. Die Beschäftigung mit dem Ding als Motiv des fotografischen Bildes ist hier in beiden möglichen Techniken vertreten: die „normale“ Fotografie arrangiert das Objekt gleichsam wie auf einer Bühne und verleiht ihm gewissermaßen surreale Qualität als Protagonist des Bildes, die Fotogramm-Technik arbeitet direkt mit dem Ding selbst und ist gleichsam das authentische, unikale Bild, das der Gegenstand hinterlässt.

In der frühen Serie seiner „Polaroids“ (1983-1996) beschäftigte sich Schnelle schon einmal mit dem Fotobild, das ohne Negativ zustande kommt. Die Sofortbildfotografie verwendet gleichsam den Fotoapparat mit als Dunkelkammer, indem der Moment der Aufnahme auch der Moment der Bildproduktion ist. Keine Retusche, keine Veränderung, keine Korrekturen sind möglich; Farbfehler, Unschärfen, Mehrfachbilder sind kalkulierte Intention oder in Kauf genommene Verselbständigung des fotografischen Prozesses; auch hier gibt es nur das eine, unvervielfältigbare Exemplar.

Werner Schnelle bedient sich in seinen fotografischen Arbeiten eines breiten Spektrums an fotografischen Verfahren: einerseits sind es die direkten Foto-Prozesse der Polaroids, Chemiegrammen und Fotogrammen andererseits die Kamerafotografie in seinen „Light Works“ und in den verwandten Bildserien. Sein inhaltliches Interesse gilt immer dem Medium der Fotografie an sich, den Eigenschaften von Licht und Raum, von Bewegung und Zeit und den Spuren, die Gegenstände unter dem Einfluss der fotoimmanenten Prozesse im fotografischen Bild hinterlassen.

Photographer Werner Schnelle, who was born in Vienna in 1942, focuses on pictorial research and issues regarding the medium of photography in his works. The exhibition “Fotokonzepte” (Photographic Concepts) presents 121 works spanning more than 20 years of his artistic career, combining acquisitions, donations by the artist to the MdM and works on loan from the artist.

Room 1

The beginning of the exhibition is dedicated to the “Land Studies” of the years 1996 –1999; these works already show Schnelle’s interest in identifying and highlighting structures and textures in his motifs. His photographs of slag heaps piled up high, tracks of construction vehicles in the soil and gravel heaps at building sites accentuate fine surface differences, while high-contrast profile lines fade into the background. He moulds his architectures from their own environment – anonymous industrial buildings that appear like sculptures in their isolation.

Opposite the „Land Studies“ series, the frieze of “Chemigrams”, created between 1994 and 2004, is on display. They are symptomatic for Schnelle’s interest in the immanent characteristics of the photographic process. Chemigrams are produced by applying photographic chemicals to pre-treated photographic paper, using methods of painting, and fixing them (splashes, lines, pourings, dense and transparent areas can be distinguished, depending on the different means of application of the chemical liquids).

Room 2

In the large series of „Light Works“, created between 1999 and 2003, Werner Schnelle continues his research on the possibilities and qualities of the photographic process: This comprehensive series is the heart of the exhibition and at the same time Werner Schnelle’s major oeuvre. In the adjacent room, “Light Works” and “Optical Works” are presented, highlighting Werner Schnelle’s intensive work on his compendium of “concrete” photographs. Both groups of works are based on a photographic style reduced to a geometrical, abstract, gestural and non-figurative stylistic vocabulary, conceived as darkroom works and distancing themselves from motif-oriented, depictive photography.

Schnelle creates his „Light Works“ in a darkened studio by capturing moving light sources and their function in space and time as traces of light. Something that cannot be perceived by the naked eye, is created by the photographic lens and can obtain visibility as sample, gesture or accumulation of signs. Schnelle works with swinging flashlights, lamps mounted to a rotating drill, light pendulums or with his own motions, i.e. by swinging light bulbs in a dark room. The picture captures the traces of the movements and rhythms and documents them like graphisms and lineaments drawn with light.

The „Optical Works“ of the years 1998 – 2002 are the result of a similar process – the examination of light-transmissive and light-absorbing materials. Schnelle uses grid foils, perforated sheets, superimposed layers and simple light sources to investigate the grades of transparent, semi-transparent, translucent and recessed areas, dots and lines in geometrical arrangements.

Room 3

The third part of the exhibition is dedicated to the properties of objects and their presence in a photographic picture. Werner Schnelle’s interest in still-lifes starts with the series „Still Lifes“ of 1995 and continues until the end of the 1990s. He chooses objects from everyday life and continues the classical repertoire of “natura morta”, the still-life in art history: spoons, glasses, eggs, vessels and shells are pictured in an amorphous space in a dark and mild light; they appear in a soft, poetic atmosphere and are subtle miniatures of an imaginative world of things, entirely focused on their inconspicuous presence. The still lifes, in which Schnelle works with the serial character of numerous similar objects, with reflections and duplications, intersections and reductions, are more complex. In the “Photograms” created between 1986 and 1989, referred to by the artist as works “From the Darkroom”, the object as such becomes the single content of the picture. The objects (plants, film spools, glasses, textiles) are placed directly onto the prepared surface of a photo-sensitive paper. By direct light exposure in complete darkness the objects appear on the paper as light structures, contours, areas, silhouettes with few details within the contours; a photogram is a photograph taken without a camera or lens, the archetype of the photographic image, and cannot be reproduced or changed in size or detail on account of the negative-less process. The artist works with objects as motifs of the photographic image in both techniques: “normal” photography arranges the object on a kind of stage, lending it a surreal quality as protagonist of the picture, while the photogram technique works with the thing itself and is the authentic, unique picture produced by the object.

In his early series of “Polaroids” (1983-1996), Schnelle already worked with photographic images produced without negatives. Instant photography uses the camera as darkroom, as the moment of shooting a picture coincides with the moment of developing the picture. No retouching, no changes, no corrections are possible; colour errors, blurrings, multiple images are a calculated intention or autonomisation of the photographic process; only a single, unreproducible copy of the picture exists.

Werner Schnelle uses a broad range of photographic techniques in his works: direct photographic processes of polaroids, chemigrams and photograms on the one hand, and camera photography of the “Light Works” and related series on the other hand. His interest is always focused on the medium of photography, the properties of light and space, of movement and time and on the traces left by objects on a photographic image under the influence of processes immanent to photography.

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